26 November 2001

Maestro Minsky will conduct

Sinfonieorchester St. Gallen

in a concert on Jewish Themes

SINFONIEORCHESTER ST. GALLEN, SWITZERLAND
Program: PROKOFIEV - Overture on Hebrew Themes, op. 34
BRUCH - "Kol Nidre", op. 47
BLOCH - Dance from "Three Jewish Poems"
BLOCH - Prayer (instrumentation by Ofieta)
JAVORI - Suite for Klezmer Band and Orchestra
Soloists: Budapest Klezmer Band
Anna TYKA, Cello
Concerts: 16 December 2001, 20:00h, Tonhalle, St. Gallen

From the Press

St. Galler Nachrichten

Sinfonieorchester St. Gallen sucht neue Wege

Ungewöhnliches Experiment

Auch das Sinfonieorchester St.Gallen sucht neue Wege, um seinem Publikum Abwechslung zu bieten. Zu einer ganz besonderen Begegnung kam es deshalb im dritten Abonnementskonzert A, dessen Programm ganz an hebräischer Musik orientiert war. Wie sehr diese Musik über die ganze Welt verteilt ist, zeigten Kompositionen wie Ausführende: Vom Russen Prokofjew, über den Deutschen Max Bruch zum in Genf geborenen Ernest Bloch, von der polnischen Cellistin Anna Tyka über die Klezmer Gruppe aus Ungarn bis zum Südamerikaner Francisco Obieta, der Blochs "Prayer" für Streichorchester instrumentiert hat, bis zum Dirigenten Meir

Meir Minsky lotete die Werke auf eine besondere Art aus, indem er vor allem auf Emotion und intensive Melodik setzte; so entstand Sergey Prokofjews "Ouverture über hebräische Themen" op. 34, über einem rhythmisch prägnanten und profilierten Untergrund elastisch, zwischen Tänzerischem und elegischer Weite, wobei sich das Orchester schmiegsam auf die verschiedenen Tempi einstellte. Die Solocellistin des Orchesters, Anna Tyka, war dann in Max Bruchs "Kol Nidrei" zu hören, sie spielte das schwermütige, religiös geprägte Thema mit viel Gefühl aus. Meir-Minsky liess ihr Zeit für viel Expressivität und weiträumiges Ausloten. Anna Tyka spielte ruhig und ernst, bestach durch feine Piani und sonore tiefe Lagen und liess ihr Instrument singen. Sie war auch die Solistin in Ernest Blochs "Prayer" aus dem Zyklus "Aus dem jüdischen Leben", das der Solokontrabassist des Orchesters, Franco Obieta, für Streichorchester instrumentiert hatte. Liedhaft, ausdrucksvoll und nuancenreich und nicht ohne inneres Temperament überzeugte ihr ernsthaftes Spiel auch hier. Zusammen mit dem Bratschisten Emilian Dascal gab es noch eine an Zigeunermusik gemahnende Zugabe. Vorgängig kam noch eine "Danse" aus Ernest Blochs "Drei jüdische Themen" zu Gehör, welche das Orchester aus der pastellfarbenen Trägheit zu raffiniertem Gewirk und mit dem effektvollen Stringendo am Schluss zu grossem Orchesterklang erhob.

Natürlich bildete der Auftritt der Budapester Klezmer Band einen grossen Kontrast, doch man ist sich ja heute gewohnt, so genannte Uund E-Musik miteinander zu vermischen; die Experimente laufen auf verschiedenen Ebenen, so bei den Sängerstars mit Popgrössen. Faszinierend und mitreissend sind vor allem die enorme musikalische Intensität und die stark an Zigeunermusik erinnernde Spielfreude. Dabei zeigten sich die einzelnen Mitglieder als virtuose Beherrscher ihrer Instrumente, so vor allem der Klarinettist, die Geigerin und die Akkordeonistin. Die Begeisterung der Zuhörer übertrug sich unmittelbar auf die Musiker, und so folgte Stück um Stück, von melancholischer Weite bis zu mitreissendem fetzigem Rhythmus. Ein interessantes und gut gelungenes Experiment istauch das Miteinander von Streichorchester und Klezmer-Band. Die beschwingte Energie dieser Musik riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin und setzte eine starke innere Energie frei, und so gab es, obwohl mit der Zeit eine gewisse Eintönigkeit nicht zu vermeiden war, Zugabe um Zugabe. Das Experiment darf als gelungen bezeichnet werden.

Magrit Zaczkowska


From the Press

St. Galler Tagblatt

St. Gebetsmelodien und Volksmusik

Was «jüdische Musik» denn nun eigentlich sei: Diese Frage hat im Oktober die Biennale in Bern unter dem Motto «Jüdische Musik? Fremdbilder - Eigenbilder» mit einem umfangreichen Programm zur Diskussion gestellt. Vermieden werden sollten oberflächliche Kohärenzen und vorschnelle Kategorisierungen. Als eine lehrreiche und vertiefende Fortsetzung hiervon präsentierte sich das Konzert des St. Galler Sinfonieorchesters.

Zeitsprung

Gespielt wurden Werke von Juden und Nichtjuden: Musikstücke aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kombiniert mit einer Komposition aus den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Das Sinfonieorchester spielte die «Ouvertüre über hebräische Themen, op. 34», komponiert 1919 von Sergej Prokofieff (und 1934 von ihm für Orchester bearbeitet), das Adagio für Cello und Orchester, «Kol Nidre» (1881), von Max Bruch, die «Danse», den ersten Teil aus «Trois poèmes juifs» (1913), sowie «Prayer» aus dem Zyklus «From Jewish Life» (1925) des 1959 verstorbenen Schweizer Komponisten Ernest Bloch. Nach diesen noch «unversehrten» Stücken erfolgte der Sprung in die Mitte des 20. Jahrhunderts - mit Klezmer-Klängen: Die junge Cellosolistin Anna Tyka, im Duo mit dem Bratschisten Emilian Dascal, und die siebenköpfige Budapest Klezmer Band liessen das Publikum auftauen. Abgeschlossen wurde der Abend mit der viersätzigen «Suite für Klezmer-Band und Streichorchester» (1946) von Ferenc Javori, dem Leader und Pianisten der Klezmer-Band. Dies war eine mutige Zusammenstellung, denn die genannten Werke stammen zwar von mehrheitlich bekannten Musikern; trotzdem gehören sie zu den kleinen, oft unbekannten Kompositionen. Ebenso ungewöhnlich war die Mischung der Stile und Spielformationen. Natürlich kann einer solch unorthodoxen Zusammenstellung immer etwas angekreidet werden - wer sucht, der findet. Es könnte also moniert werden, dass Klezmer und die mit ihr eng verwandte Musik von Javori allein bei weitem nicht repräsentativ für die Musik sind, die sich nach dem Holocaust mit der jüdischen Kultur auseinander setzt. Doch dieser Abend bot didaktisch vorbildlich einen guten Querschnitt durch den Umgang moderner Komponisten mit jüdischer Liedtradition.

Orient und Okzident

Im Vordergrund des Konzerts stand die Verarbeitung der unzähligen Melodien aus dem Fundus der religiösen jüdischen Riten und die Verwebung von Volksmelodien aus Orient und Okzident: Einerseits durch die nicht-jüdischen Musiker Prokofieff und Bruch, andererseits durch Ernest Bloch. Gerade Blochs Stücke mit ihren «pseudohebräischen» Melodien lassen deutlich erkennen, wie ein Musik-Idiom entstanden ist, das vermeintlich über spezifisch jüdische Merkmale verfügt. Mit dem gebürtigen Polen Meir Minsky hatten die Musiker den idealen Dirigenten. Minsky gelang es, mit seinem Engagement und seiner interkulturellen Kompetenz die Kompositionen überzeugend und eindringlich zu gestalten. Der wehmütige Klang - vor allem in den Bläsern - und die rhythmisch-tänzerischen Passagen interpretierte das Orchester einfühlsam und mitreissend. Anna Tyka gestaltete mit intensiver Innerlichkeit und starkem Ausdruck die düster-traurigen Variationen der alten Melodien.

Bettina Spoerri


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